Zwischen Loslassen und Festhalten – Führung in Übergangsphasen

Liebe Leitungsperson

Die Sommerzeit ist für viele Institutionen eine besondere Zeit. Kinder wechseln in den Kindergarten oder in die Schule. Mitarbeitende verlassen die Institution. Neue Mitarbeitende stehen vor dem Einstieg. Teams verändern sich. Rollen werden neu verteilt. Gewohnte Abläufe geraten in Bewegung. Als Leitungsperson befindest du dich dabei oft in einer besonderen Position.

Während andere sich auf ihren Abschied, ihren Neuanfang oder ihre Ferien konzentrieren, behältst du das Ganze im Blick. Du organisierst, koordinierst, begleitest, planst voraus und sorgst dafür, dass der Betrieb auch nach den Sommerferien gut weiterlaufen kann. Ich kenne diese Zeit sehr gut.

Während meiner Tätigkeit als Leitung habe ich diese Übergänge jedes Jahr aufs Neue erlebt. Manche Veränderungen waren geplant und willkommen. Andere kamen überraschend, zwischendurch oder waren mit Unsicherheit verbunden. Und immer wieder stellte ich fest, dass Veränderungen nicht nur das Team bewegen, sondern auch mich selbst als Führungsperson.

Zum Beispiel:
Eine langjährige Mitarbeitende verlässt die Institution. Du freust dich für ihren nächsten Schritt und spürst gleichzeitig, dass eine wichtige Stütze im Team wegfällt. Vielleicht fragst du dich, wie sich dies auf das Team auswirken wird, wer Aufgaben übernimmt oder wie die entstandene Lücke wieder gefüllt werden kann.

Eine neue Fachperson beginnt nach den Sommerferien. Du freust dich über die Unterstützung und fragst dich gleichzeitig, wie schnell sie ihren Platz im Team finden wird. Und wie du sie am sinnvollsten stützen kannst? Was sie wohl von deiner Seite her benötigen wird?

Manchmal entsteht dabei ein Spannungsfeld zwischen Loslassen und Festhalten. Loslassen von Menschen, Abläufen oder Gewohnheiten, die teilweise über mehrere Jahre vertraut geworden sind. Festhalten an dem, was sich bewährt hat, was Sicherheit gibt und die Qualität der Arbeit trägt.

Genau hier beginnt aus meiner Sicht eine wichtige Führungsaufgabe.
Nicht jede Veränderung muss sofort gelöst werden. Nicht jede Unsicherheit verlangt nach einer schnellen Antwort.

Manchmal dürfen wir als Leitung zuerst wahrnehmen, was die Veränderung in uns selbst auslöst. Vielleicht bemerkst du Gedanken, die immer wieder auftauchen. Vielleicht zeigen sich Unsicherheiten, Sorgen oder auch Vorfreude. Vielleicht wird dir bewusst, woran du festhältst und was sich gerade entwickeln möchte.

In meiner heutigen Arbeit als Coachin und Mentorin begegne ich immer wieder Leitungspersonen, die über ein grosses Fachwissen verfügen. Sie kennen Teamentwicklungsprozesse. Sie wissen, wie Personalführung funktioniert. Sie kennen Instrumente, Konzepte und Modelle.

Und dennoch gibt es Situationen, in denen der Blick auf die eigenen Möglichkeiten durch die Vielzahl an Aufgaben, Erwartungen und Emotionen erschwert wird.
• Nicht weil Wissen fehlt.
• Sondern weil der Alltag laut ist.
• Weil Verantwortung getragen wird.
• Weil vieles gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangt.

Gerade deshalb lohnt es sich, in Übergangsphasen bewusst einen Moment innezuhalten.
• Nicht um alles zu analysieren.
• Sondern um wahrzunehmen.
• Wahrzunehmen, was diese Veränderungen mit dir als Führungsperson machen. Welche Gedanken dich begleiten. Welche Erwartungen du an dich selbst stellst. Welche Themen gerade besonders viel Raum einnehmen.

Ebenso kann es hilfreich sein, den Blick darauf zu richten, was dein Team in dieser Phase von dir benötigt und was du selbst brauchst, um weiterhin mit Klarheit, Sicherheit und Vertrauen führen zu können.

Übergänge gehören zum Alltag von Institutionen. Sie bringen Bewegung, manchmal Unsicherheit und oft auch Entwicklung mit sich. Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung nicht darin, Veränderungen zu verhindern oder sie zu kontrollieren. In meinen Augen liegt sie vielmehr darin, Veränderungen bewusst zu begleiten, Vertrauen zu entwickeln und Schritt für Schritt Raum für Neues entstehen zu lassen.

Veränderungen lösen bei jedem Menschen etwas aus – auch bei Führungspersonen.
• Vielleicht bemerkst du, dass dich gewisse Entwicklungen stärker beschäftigen als andere.
• Vielleicht spürst du Vorfreude, Unsicherheit, Vertrauen oder auch Sorgen. Jede Veränderung wird von uns auf unsere eigene Weise erlebt und verarbeitet.

Gerade deshalb lohnt es sich, bewusst wahrzunehmen, wie es dir aktuell mit diesen Veränderungen geht. Was sie in dir auslösen. Wie du diese Übergangsphase erlebst und welche Gedanken oder Gefühle dich dabei begleiten.

Denn je bewusster du dir deiner eigenen Reaktionen wirst, desto besser kannst du verstehen, was du in dieser Zeit brauchst, um in deiner Balance zu bleiben. Diese innere Klarheit hilft dir wiederum, dein Team mit Sicherheit, Vertrauen und Orientierung durch die bevorstehenden Veränderungen zu begleiten.

Meine Reflexionsfragen für dich:
? Was darf ich in den kommenden Wochen bewusst loslassen?
? Was möchte ich bewahren?
? Welche Veränderung fordert mich aktuell am meisten heraus?
? Wo wünsche ich mir mehr Klarheit?
? Was könnte entstehen, wenn ich dem Prozess etwas mehr Vertrauen schenke?

Manchmal braucht es nicht sofort eine Lösung. Manchmal genügt es, den Blick wieder freizubekommen für das, was bereits da ist.

Herzlich
Marion Racioppi-Zuberbühler
Coachin und Mentorin für Leitungspersonen in der Kinderbetreuung

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