Führung bedeutet Verantwortung, Präsenz und Klarheit — und gleichzeitig Menschsein. Gerade Leitungspersonen in sozialen und pädagogischen Kontexten tragen täglich viel. Erwartungen, Entscheidungen, Beziehungen, Spannungen und Prozesse, die oft im Verborgenen bleiben, prägen unseren Alltag.
Diese kleine Blog-Serie richtet sich an dich liebe Leitung – nicht als Rolle, sondern als Mensch in dieser Funktion und in diesem Verantwortungsfeld. Es geht nicht um Techniken oder Tools. Es geht um dich, ums Gesehen werden, um Selbstführung und darum, langfristig klar, stabil und handlungsfähig zu bleiben, indem du dir selbst treu bleibst, ohne dich zu verlieren.
Diese Serie besteht aus zwei Teilen: Gesehen werden in deiner Rolle und Dich selbst führen, bevor du andere führst.
TEIL 1 — GESEHEN WERDEN IN DEINER ROLLE
Liebe Leitungsperson
Den heutigen Blogeintrag möchte ich an dich richten, ehrlich, authentisch und direkt, aus eigener Erfahrung als Leitung und heute als Coachin und Mentorin für Führungspersonen.
Die Verantwortung, die du jeden Tag trägst, ist gross. Du hältst Strukturen, begleitest Menschen, triffst Entscheidungen, regelst Konflikte, bleibst ruhig, denkst voraus und sorgst dafür, dass Kinder, Mitarbeitende und Eltern sich sicher und wohl fühlen. Vieles davon passiert im Hintergrund – unsichtbar – still -für viele selbstverständlich.
Vielleicht bist du eine Leitung, die selten echte Wertschätzung hört. Oft kommt Rückmeldung erst dann, wenn etwas nicht optimal war: ein Anlass, eine Eingewöhnung, ein Arbeitsplan, eine Entscheidung etc.
Gleichzeitig führst du anspruchsvolle Gespräche mit Eltern und Mitarbeitenden, hältst Spannungen aus, moderierst unterschiedliche Bedürfnisse und bleibst dabei professionell. Danach gehst du oft allein weiter, mit deinen Gedanken, deiner Verantwortung, deinen Zweifeln.
Ich kenne dieses Gefühl sehr gut. Ich weiss, wie einsam Führung sein kann — auch mitten in einem Team.
Deshalb ist es mir an dieser Stelle so wichtig, dir zu sagen, dass ich dich verstehe. Ich weiss das viele Leitungen auf verschiedensten Ebenen enorm viel tragen. Ich weiss, wie viel innere Arbeit in deiner Rolle steckt:
- die vielen kleinen und grossen Entscheidungen,
- das Abwägen zwischen Menschen, Strukturen und Systemen,
- das Aushalten und Begleiten von Kritik und Konflikten,
- das Dasein für andere — oft auf Kosten deiner eigenen Energie.
Du bist nicht „nur am Schreibtisch“. Du bist Beziehungsgestaltung, Stabilität, Orientierung und Sicherheit für viele Menschen.
Und genau deshalb ist deine Selbstwahrnehmung so wichtig. Du darfst dir erlauben, nicht nur zu funktionieren, sondern bewusst hinzuschauen, in deinem eigenen Tempo und auf deine eigene Weise:
- Was hast du heute alles geleistet?
- Wo bist du ruhig geblieben, auch wenn es dich Kraft gekostet hat?
- Wo hast du Verantwortung getragen, obwohl sie schwer war?
- Was für Emotionen anderer hast du getragen?
Es ist okay, wenn du dir diese Fragen leise stellst. Ohne Druck. Einfach mit ehrlichem Blick auf dich selbst.
Warte bitte nicht darauf, dass andere dich wertschätzen, auch wenn das natürlich guttun würde. Nimm dich selbst ernst und anerkenne, was du tust, auch dann, wenn es im Aussen kaum gesehen wird. Mach dich nicht klein, denn deine Arbeit ist so wichtig.
Klar wissen wir, dass wir andere Menschen nicht verändern können, und doch gibt es manchmal Situationen, in welchen es schön wäre, könnten wir da etwas mehr Einfluss nehmen. Ich habe für mich gelernt, welche Kraft in mir steckt, wenn ich den Blick in mich richte. Der Blick auf mich bringt Verständnis, Klarheit und ermöglicht mir Entwicklung. Dies tragen wir dann so in die Welt. Wir sind nicht nur als Pädagogische Fachpersonen der Spiegel für die Kinder, nein auch als Leitungsperson sind wir Spiegel und können durch unser eigenes Verhalten enorm viel bewirken. Vielleicht kennst du das auch?
Wenn du dir Schritt für Schritt erlaubst, deine eigene Leistung wirklich wahrzunehmen, kann sich etwas in dir verschieben:
- Vielleicht kannst du spüren, dass du innerlich ruhiger bleibst.
- Vielleicht fühlst du, dass du weniger abhängig von Rückmeldungen wirst
- Oder du kannst wahrnehmen, dass du fester in deiner Rolle stehst
Du trägst und verkörperst nicht nur Verantwortung, nein du bist eine kompetente Fachperson, eine Führungsperson — und gleichzeitig ein Mensch mit Bedürfnissen, Grenzen und Empfindungen.
Und genau darin liegt deine Stärke als Leitung. Nicht im perfekten Funktionieren, sondern im bewussten, menschlichen Führen — auch mit dir selbst.
Herzlich
Marion
Marion Racioppi-Zuberbühler
Mentorin & Coachin für Leitungspersonen in der Kinderbetreuung